DSC04493.JPG

Große Wellen, die innere Einstellung und richtige Vorbereitung: ein Interview mit Lena Kemna

Lena kommt ursprünglich aus Deutschland und lebt nun seit einigen Jahren in Portugal. Seitdem hat sie ihr Leben ganz dem Surfen und dem Element Wasser gewidmet. Im Interview spreche ich mit Lena darüber, wie sie zum Surfen gekommen ist, wie sie sich auf die großen Wellen der Winter Saison vorbereitet und wie Surfen und die innere Einstellung zusammen hängen


Liebe Lena - auch, wenn du die Frage sicherlich schon viel, viele Male beantwortet hast zuerst einmal: wie bist du zum Surfen gekommen?


Eigentlich total standardmäßig im Urlaub bei einem Anfänger Surfkurs auf Fuerteventura zusammen mit meinem Papa. Und ich wusste mehr oder weniger am ersten Tag, in der ersten Stunde: Das finde ich richtig gut. So ein bisschen, wie wenn man einen inspirierenden Film schaut und dann denkt: ich werde jetzt Fußballspieler. Und genauso war es bei mir mit dem Surfen. Erster Tag, erster Surf und ich habe gesagt: ich bin jetzt Surfer.


Da habe ich aber noch nicht am Meer gelebt und so waren die ersten 1-2 Jahre auch etwas schleppend. Dann habe ich aber relativ bald ein Auslandssemester in Australien gemacht. Habe mir dann auch sehr bald ein relativ kleines Board gekauft (richtiger Kook Move). Und bin ab da jeden Tag mit meinem Board zum Strand gefahren und hab’s mir mehr oder weniger selbst beigebracht. Danach musste ich dann nochmal ein halbes Jahr zurück in die Niederlande, wo ich studiert habe. Da bin ich dann 6 Monate wie eine verrückte Kraulen gegangen im Pool. Und ich weiß noch, das erste Mal, als ich dann wieder Surfen war hatte sich mein Surf Level unglaublich verbessert, weil ich so viel kräftiger geworden war.


Ja und dann bin ich so schnell wie es ging nach Portugal gezogen, um am Meer zu wohnen.


Lena Kemna
Lena Kemna

Kannst du dich noch erinnern, was dich überrascht hat oder was das größte ‘Klischee’ war, mit dem du in’s Surfen gestartet bist?


Tatsächlich hatte ich gar nicht so starke Klischees im Kopf, Surf Filme oder so kannte ich nicht wirklich. Also ich wusste, dass Surfen irgendwie cool ist …

Und ich glaube eine Sache, die ich bis heute schade finde, ist dass Surfer untereinander echt uncool sind. Und besonders Mädels. Es gibt so viele andere Kulturen, wie Bodyboarden oder Skaten, wo es nicht so ist. Aber Surfer und besonders Surfer*innen sind viel sehr uncool zueinander, arrogant oder unnötig kompetitiv. Es passiert mir selten, dass ich mit anderen Frauen surfe und wir wirklich connecten. Das ist echt die Ausnahme.


Was meinst du warum das so ist? Warum ist Surfen so ein Ego-Sport


Ich weiß es nicht. Und komischerweise ist das selbst unter Longboardern so. Nicht ganz so schlimm, aber auch da gibt es die ‘Retro’ / mega stylischen Longboarder, die echt uncool zueinander sind. Und in Wettkämpfen ist es besonders schlimm. Ich war mal bei den deutschen Meisterschaften und die Stimmung war gar nicht mein, dabei surfte keiner von uns auf internationalem Level. Aber warum das so ist? Ich hab keine Ahnung. Ich versuche es einfach zu ignorieren.


Surfen ist ein Sport, der viel Zeit braucht. Manchmal muss ich daran denken, wie viele Stunden Erfahrung im Line-up sitzen. Was denkst du ist die wichtigste Eigenschaft um Spaß am Surfen zu behalten und nicht aufzugeben?


Ich glaube das ist total individuell. Für mich persönlich ist es gar nicht so sehr das Surfen sondern die Verbindung mit der Natur. Würde ich nicht surfen würde ich etwas anderes machen, wie Segeln oder Tauchen. Ich persönlich zum Beispiel surfe überhaupt nicht gerne in kniehohen Wellen am Stadtstrand, dann mache ich lieber was anderes. Denn das hat für mich nichts mit einem Naturerlebnis zu tun wonach ich suche. Deswegen gehe ich zu Spots, wo ich alleine bin selbst wenn das heißt, dass die Welle schlechter läuft, oder dass ich ganz früh aufstehen muss, wenn es regnet an einem Dienstag im November. Dann habe ich Spaß und das Gefühl, das es etwas Besonderes ist und ich eine Verbindung mit der Natur habe. Und so wähle ich auch meinen Surf aus.


Und genauso würde ich jemandem, der Angst in großen Wellen hat einfach raten in kleinen Wellen zu surfen. Wenn es das ist was einem Spaß macht. Und wenn man eine Person ist, die am liebsten mit dem Softtop am Samstagnachmittag in knöchelhohen Wellen am Stadtstrand surft, dann sollte man genau das auch tun. Ich glaube beim Surfen, und eigentlich auch bei allem anderen muss man einfach ehrlich mit sich selber sein, was einem wirklich Spaß macht.


Im Winter surfst du ziemlich große Wellen, wann hast du angefangen dich für die großen Wellen zu interessieren?


Das war super früh. Eigentlich schon bevor ich überhaupt richtig surfen konnte. Ich glaube, dass mich einfach das Extreme der Natur fasziniert. Umso größer und stürmischer, umso besser finde ich es. Erst einmal ist dann kaum jemand mehr im Wasser und, so albern es vielleicht auch klingt, die Natur fühlt sich einfach so ‘raw’, so extrem an. Und ich weiß noch, dass ich gefühlt eine meiner größten Wellen als ziemlicher Anfänger in Bali mit so einem Plastikbrett gedroppt bin. Da konnte ich kaum geradeaus fahren oder duckdiven, oder irgendwie sowas. Aber ich bin einfach in die Welle rein gepaddelt und dachte danach ‘Wow! Mega geil!’. Und dann ging es eigentlich los. Die Größe der Welle ändert sich natürlich jedes Jahr, im Winter surfe ich fast jede Woche die größte Welle meines Lebens.Aber die Faszination daran bleibt konstant.


Was machst du, wenn du mit Angst im Wasser konfrontiert bist?


Ich hab viel Angst im Wasser. Oft sagen Leute zu mir ‘wow du bist voll mutig und du hast keine Angst’. Aber zum einen: ich bin einer der vorsichtigsten Surfer, die ich kenne. Die Leute, die in den gleichen Bedingungen mit mir draußen sind haben ein viel, viel höheres Surf Level. Die könnten noch ganz andere Wellen Surfen.

Und zum Zweiten bin ich viel viel vorbereiteter als die meisten anderen. Körperlich aber auch von meinem Equipment her, ich oft eine Impactvest an, auch wenn niemand sonst eine trägt. Auch wenn ich dafür am Anfang belächelt wurde. Ich habe auch meistens ein riesiges Board und eine riesige Leash. Ich nehme das Ganze einfach sehr, sehr ernst. Ich hab zwar meistens sehr viel mehr Angst als alle anderen aber ich bin auch gleichzeitig viel besser vorbereitet als viele. Und so manage ich meine Angst durch Vorbereitung. Alle Faktoren, die ich vorbereiten kann, kontrolliere ich dadurch so gut es geht.

Dazu gehört, dass ich mein Auto am Abend vorher packe, ich checke ob alle Finnen richtig drin sind, ich checke meine Leash ständig. Da bin ich wirklich total deutsch. Ich trainiere meinen Körper, und habe mein gesamtes Leben darauf ausgerichtet.

Lena Kemna surfing big waves
Lena Kemna surfing; Credit: @barrelsniper

Und wenn es doch mal passiert, dass du im Wasser bist und es ist größer als du es erwartet hast und du bekommst Schiss oder hast einen schlimmen Wipe-out, hast du dann bestimmte Gedanken, die du nutzt?


Also es kommt drauf an. Unter Wasser habe ich keine Angst, weil durch Apnea-Training das Luftanhalten für mich kein großes Thema mehr ist. Wovor ich mehr Angst habe sind die Entfernungen wenn es sehr groß ist. Denn dann kann es sein, dass ich auf einmal einen halben Kilometer draußen auf dem Meer bin. Und wenn dann die Strömung anfängt und die Gesamtsituation sich unberechenbar anfühlt, das ist das, wovor ich Angst habe.

Aber ich habe eine sehr starke Intuition, die ich auch respektiere. Es gab schon Momente, da hatte ich den Neo schon an und stand mit den Füßen im Wasser aber habe gemerkt ‘Nee, irgendwie nicht’. Und dann drehe ich um und gehe nach Hause. Und selbst wenn ich schon rauspaddel und im Channel merke ‘irgendwie nicht’ dann gibt es zwar Tage, wo ich dagegen anpushe, aber es gibt auch Tage, an denen ich mich umdrehe und einfach nach Hause gehe. Normalerweise ist es bei mir ganz ja oder ganz nein. Bestimmte Gedanken helfen mir manchmal mich zusammenzureißen, denn man kommt ja auch nicht aus jeder Situation immer sofort raus. Aber ich höre da normalerweise sehr auf meine Intuition und breche die Session einfach ab wenn es sich nicht richtig anfühlt.


Wie gehst du mit frustrierenden Tagen im Wasser um?


Tatsächlich finde ich das gar nicht so schlimm. Ich werde auch oft gefragt, wie ich die Motivation finde, um so viel zu Surfen und so viel zu trainieren. Tatsächlich brauche ich dafür aber gar keine Motivation. Motivation brauche ich um mich hinzusetzen und zu arbeiten. Das heißt eigentlich selbst an Tagen wie heute, wo die Wellen kniehoch und eigentlich echt langweilig waren bin ich nicht wirklich frustriert.


Anfang diesen Jahres hatte ich zum Beispiel von Anfang Januar bis Mitte März keine einzige gute Surf Session. Und das obwohl ich mindestens 4 mal die Woche surfe. Also waren es wirklich viele nicht gute Surfs. Was ich dann mache ist, ich mach einfach weiter. Ich gehe ins Fitnessstudio, ich trainiere auch so und ich surf einfach weiter. Ich denke das ist einfach normal. Die Phasen, wo man keine sichtbaren Erfolge hat, sind gleichzeitig die, in denen ganz viel Training passiert. Diese Phasen probiere ich nicht über zu analysieren sondern einfach weiter zu machen. Die Erfolge werden dann schon irgendwann kommen.


Für größere Wellen bin ich immer noch ein Anfänger. Das heißt auch, dass ich ganz oft auch mal gar keine Welle bekomme oder nur eine pro Session. Da denke ich dann oft trotzdem ‘Wow. Vor einem Jahr hätte ich nicht mal daran gedacht ins Wasser zu gehen bei diesen Bedingungen!’ Der Sommer kann da schon eher frustrierend sein, wenn es monatelang klein ist aber dann suche ich mir immer solche Momente frühmorgens oder spätabends, wo niemand anders im Wasser ist. Oder gestern zum Beispiel waren die Wellen auch nicht toll aber es war super viel Seegras im Wasser, das war auch cool.

Und auch immer wieder andere Boards zu probieren hilft mir. Ich surfe zum Beispiel nicht gerne Shortboards in kleinen Wellen aber dann gerne mit einem Single Fin, Longboard oder mit irgendwas anderem. Oder ich gehe tauchen.


Lena Kemna Freediving
Lena Freediving; Credit: @jannanadjeja

Ich habe auch gesehen, dass du dich sehr gut auf den größeren Swell und Winter im Herbst vorbereitest. Wie genau bereitest du dich vor und worauf achtest du dabei?


Die wichtigsten Dinge für mich sind:

Nummer 1: absolute Erholung. Zum Glück habe ich keine richtigen Verletzungen, wie einen Bandscheibenvorfall oder Knieprobleme aber natürlich, wenn man viel surft, tun die Schultern schon mal weh oder der untere Rücken. Da ist es mein Ziel Nummer 1 mich über den Sommer komplett auszukurieren, d.h. keine Muskelverspannungen, etc. mehr zu haben.

Nummer 2 ist die Kraft.. Dazu gehört für mich auch Muskelmasse aufzubauen. Über die letzten 1, 2 Jahre habe ich so ca. 8 kg zugenommen und obwohl ich immer noch recht zierlich bin, merke ich, dass ich deutlich stärker geworden bin. Denn ab einem gewissen Punkt ist es wirklich auch die Paddelkraft, die zählt.

Der dritte Punkt ist Apnoe Training. Da habe ich früher noch mehr nur trainiert, jetzt gehe ich einfach freediven. Das ist auch Training und macht mehr Spaß.


Was sind deine Ziele für die nächste Surf Saison oder auch insgesamt?


Meine Ziele in Bezug auf Surfen oder auch alles andere sind, dass eigentlich alles so bleiben soll, wie es ist. Und dass es Schritt für Schritt weitergeht. Meine größte Schwierigkeit im Leben ist Surfen, Training und Beruf gleichzeitig zu managen. Denn es ist einfach schwierig zu arbeiten, wenn du ständig k.o. bist. Zwei mal am Tag zu surfen oder zu trainieren und daneben produktiv zu arbeiten und Social Media zu managen ist schwierig. Und ich weiß, dass es eine tolle Situation ist, in der ich bin und ich beschwere mich nicht.Trotzdem ist das die größte Schwierigkeit für mich.


Daher ist mein größter Wunsch, dass ich diesen Spagat auch weiter so hinbekomme und mich beim Surfen Schritt für Schritt weiter entwickle. Vielleicht werde ich nächsten Winter auch mal in das Jet-Ski Towing reinschnuppern. Das habe ich schon mal ein bisschen gemacht, und es macht mir nicht so richtig viel Spaß, aber ich hätte richtig gerne mal nen JetSki dabei, um in große Wellen zu paddeln, das wäre richtig cool. Aber ansonsten will ich vor Allem genauso weiter machen und jeden Winter die neue größte Welle surfen.

Lena Kemna surfing
Lena Kemna Surfing; Credit: @barrelsniper

Du hast es ja eben schon gesagt: Surfen und Arbeit lassen sich nicht immer perfekt kombinieren. Wie sähe dein perfekter Job aus? Wenn du dir einen Job erschaffen könntest, was würdest du machen?


Ich arbeite aktuell im Bereich Marketing / Branding Strategy. Und arbeite jetzt seit 5 Jahren an der Uni. Ich unterrichte richtig, richtig gerne. Ich glaube mein perfekter Job wäre mein eigener kleiner Kurs an der Uni und nebenbei ein paar Consulting Projekte und zusätzlich Content zu erstellen. Hier arbeite ich auch teilweise mit Marken zusammen, wenn sie mir Freiheit lassen. Aktuell z.B. habe ich ein Projekt, wo ich vorgeschlagen habe einen Film über Surfen und Freediving zu drehen, ausschließlich nachts und der Kunde hat einfach gesagt: ‘Ja cool, das machen wir so’. So etwas mehr zu machen, darauf hätte ich mega Lust. Ich fange zwar an mit Instagram etwas Geld zu machen, aber da habe ich nicht so Lust auf diese Sales Richtung. Also eigentlich alles das, was ich jetzt auch mache.


Wobei ich schon gerne die Freiheit hätte relativ wenig zu arbeiten.


Wenn du eine Sache mit ins Line-up nehmen könntest, ganz egal, das muss nichts sein, was man wirklich im Wasser gebrauchen kann, was wäre das?


Kaffee. Definitiv.


Liebe Lena, vielen Dank für deine spannende Antworten, und dass du eine Einstellung zum Surf und dem großen blauen Nass mit uns geteilt hast. Wir sind gespannt dich und deinen Surf weiter zu verfolgen und freuen uns wie Bolle dich als Team Surfer mit an Board zu haben!


Ihr findet Lena auf Instagram: @lena.kemna.